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© David Moses |
ANTON PREYER
... war
Drucker, ist jetzt Wissenschaftler - und schizophren.
Wenn es ihm
gut geht, geht er jeden Tag in die Bibliothek und studiert Sprachen. Dann setzt
er sich mit englischen und französischen Zeitschriften in den großen Lesesaal
und übersetzt. So eignet er sich Wort für Wort die fremde Sprache an und setzt
sie wie ein Baukastensystem wieder neu zusammen. Wenn er nicht liest, studiert
er die Sprachen über das Fernsehen und das „Schwätzen“, erzählt er im
schwäbischen Dialekt. Anton Preyer interessiert sich auch für Medizin,
Fotografie und Musik. Und er löst gerne Kreuzworträtsel. In seinen
Hemdtaschen trägt er sie auf ausgerissenen oder ausgeschnittenen Papierfetzen
immer bei sich. „Wenn man das kann, kann man nicht verrückt sein“, sagt er.
Manchmal
sieht man Anton Preyer auch eine Zeit lang gar nicht in der Bibliothek, dann
ist es wieder schlimmer geworden. Er war bereits schon einmal in der Psychiatrie, wurde
zwangseingewiesen. Wegen Schizophrenie, Alkohol- und Drogenmissbrauch.
Anton Preyer
hat immer einen Begleiter bei sich – für andere nicht sichtbar. Er spricht
mit ihm über Politik, die Weltsituation und seine neuesten Ideen. Der
unsichtbare Gesprächspartner und Anton Preyers laute Diskussionen berühren die ihn
umgebenden Personen sichtbar peinlich. Er ist kein gern gesehener Mensch, nur laut und verrückt. Auch das gehört zu seinem Problem: Inakzeptanz und
Einsamkeit.
Als wir ihn ansprechen
und nach seiner Lebensgeschichte fragen, zögert er keine Sekunde. Wir laden ihn
zu einem Kaffee ein, betreten eine Eisdiele und kaum haben wir uns gesetzt, erzählt
Anton Preyer uns von seinem Leben. Dem Leben, das ihm zum Wahn geworden ist und
ihn nicht mehr loslässt. Drucker sei er einmal gewesen, doch das spiele jetzt
keine Rolle mehr. Er ist unruhig, gestikuliert, verrenkt sich in Gesten und
Gebärden. Oft fährt die Hand ans Kinn, grübelnd spitzt sich der Mund, und die
Augen rollen unter den halb geschlossen Lidern hin und her. Wenn man Anton
Preyer nach seiner Vergangenheit fragt, nach seiner Biografie und dem Leben,
das noch wirklich war, wird er abweisend, um im nächsten Moment von seinem
jetzigen Leben als Wissenschaftler zu erzählen. So verstricken sich Realität
und Wahn, Zahlen und Fakten mit Illusionen und Träumen.
Anton ist
fast 50, sein Vater starb als er noch keine 30 war, die Mutter einige Jahre
später. Der Altersunterschied zwischen seinen Eltern war über 30 Jahre, erzählt
er. Die Schwester blieb bei einem Urlaub auf Gran Canaria, seit dem hat er sie
nicht mehr gesehen - er weiß nicht was sie macht. Gerne würde er sie wieder
sehen. Seit dem seine Mutter nicht mehr bei ihm ist, lebt er alleine, zum
ersten Mal. Das ist jetzt schon über 10 Jahre her. Heute bekommt Anton von einem
Betreuer ein bisschen Geld für die Woche, den Rest erbettelt er.
In der Schule
war er nicht überdurchschnittlich gut - eben nicht so gut wie ein „Superwissenschaftler“.
Er war auf allen Schulen, wahrscheinlich absteigend. „Ich habe nie Anerkennung bekommen.“ Jetzt ist
aus ihm ein Wissenschaftler geworden. Anton hatte eine Formel erfunden – was
für eine verrät er uns nicht, sie ist geheim. Er hat sie eingereicht. Doch der
Bürgermeister, der Bundesnachrichtendienst, die Justizministerin, die „oberen
Zehntausend“ stellten sich gegen ihn. Er wollte vor das Verfassungsgericht. Kofi
Annan ließ ihn im Stich, auch wenn er als Wahrzeichen der Menschlichkeit als
Schiedsstelle hätte einschreiten müssen. Auch der Papst stellte sich gegen ihn
und die Wissenschaft. Amnesty International fürchtet er, die Organisation
entführe Wissenschaftler.
Als er die Formel
beim Bürgermeisteramt einreichte, wollte er eine Lohnerhöhung. - Das
wöchentliche Taschengeld von seinem Betreuer reichte ihm vermutlich nicht mehr.
- Der Bürgermeister sollte für die Besprechung der Formel einen Professor dazu holen.
Doch sie setzten sich ohne ihn zusammen - und riefen die Psychiatrie. - In diesem Jahr wird Anton Preyer einen herben
Schicksalsschlag erfahren haben; in der Wirklichkeit, die für ihn nicht mehr
existiert. Denn er spricht immer wieder von dieser Zeit. - Dann, nach dem Anruf des Bürgermeisters, musste er für
2 Jahre ins Krankenhaus. Dort wollten sie ihn mit Schlangengift verderben, erinnert Anton sich, doch er
hat es überlebt. Anton Preyer ist misstrauisch, hat Angst und ist wütend. Er fühlt
sich allein, als Einzelkämpfer gegen den Rest der Welt.
Anton hat
eine Gesellschaftstheorie. Es gibt da die oberen Zehntausend: Prominente,
Regierungen, die Presse. Sie trennt ein undurchlässiger Deckel von den Unteren.
Zum Beispiel Menschen, die gute Ideen und Erfindungen haben. Sie werden von den
Oberen ausgenutzt, um noch mehr Geld zu bekommen. Er ist vielseitig
interessiert, spricht von genetischen Fotos und Insulin. Er habe die DNA, den
Zellkern von Prominenten fotografiert. Sogar den Fleck von Gorbatschow. Er
schreibt Geschichten und spricht von Argentinien und Rio de Janeiro. Anton
Preyer kennt sich mit vielen Dingen aus, die sein Gefängnis bunt auszufüllen
scheinen. Doch er kommt nicht raus, bleibt ein rastloser Wanderer in seiner
Zelle, den man von A nach B schubst.
Ich
recherchiere - möchte verstehen, was Anton Preyer erzählt: I. Schizophrenie ist
nicht heilbar. Aus Antons Erzählungen entnehme ich, dass er medikamentös eingestellt
ist. II. Die Bindung an einen Therapeuten ist für den Erkrankten sehr bedeutend.
Anton selbst hält von den Psychiatern, die er kennen gelernt hat, nichts. Er hat
versucht sich mit Mitmenschen auszutauschen - sie haben ihn abgelehnt, waren
keine Therapeuten. Anton verliert das Vertrauen und bleibt allein. Was bleibt,
sind die Medikamente. Unsere Zuwendung hat er dankend angenommen, sich gerne
unterhalten – auf seine Art. III. Auf so genannte Schübe folgen oft
Depressionen. Das werden die Phasen sein, wenn man Anton Preyer sein Unglück
ansieht. Wenn er mit zersausten Haaren durch die Bibliotheksgänge streift, den
Blick verfinstert und die Augen nach unten gerichtet, um sich an den Fasern der
Filzauslegware entlang zu hangeln. IV. Besonders starke Schübe würden durch
einschneidende Lebenserfahrungen hervorgerufen. Bei Anton war es vielleicht
weit mehr und weit früher, als der Tod seiner Eltern. Er machte Andeutungen
über Probleme beim Arbeitsplatz, den Rutsch ins Drogennetz, die soziale
Abschiebung. V. Zwischen dem Ausbruch der Schizophrenie und ihrer Erkennbarkeit
können Monate vergehen. Soziale Isolation, fehlende Beschäftigung und eine
späte Diagnose bestimmen den Krankheitsverlauf negativ. Oft beginne er zwischen
Jugend und Erreichen des dreißigsten Lebensjahres. Leistungseinbußen machen
sich bemerkbar, so der schulische Abstieg und Probleme mit der Arbeit. Auf die
wenigen Daten, die Anton preisgab, passt diese Beschreibung. VI. Zu Beginn der
Krankheit kann noch die Einsicht der Erkrankung vermittelt werden, später ist
sie nicht mehr möglich. Anton ist in seiner Welt schon lange ein Gefangener, in
wenigen lichten Momenten wird er sich dessen bewusst - wenn ich ihn danach
frage, was er gelernt hat, wo er herkommt. Ein Bewusstsein, das er nicht mag
und beiseite schiebt, um dann wieder abdriften zu können. VII. Schizophrenie
ist für viele ein Mysterium. Vorurteile bestimmen die Köpfe, Ablehnung,
Intoleranz. Die Krankheit wird sogar von den Erkrankten selbst abgelehnt. Wie
Anton es uns sagte: „Wenn man Kreuzworträtsel lösen kann, kann man nicht verrückt
sein.“